Projekt: „Bruder, was geht?“ Katja Richter 29. Juli 2025

abgeschlossene Projekte:

Projekt „Bruder, was geht?"

Geschlechterreflektierende und empowernde Arbeit mit Jungs* und jungen Männern* of Color

Projektüberblick

Das Projekt „Bruder, was geht?" – Geschlechterreflektierende und empowernde Arbeit mit Jungs* und jungen Männern* of Color“ wurde im Zeitraum 2022 bis 2024 durchgeführt.

An vier Standorten in Sachsen – Pirna, Heidenau, Riesa und Borna – kamen über 50 Teilnehmer zwischen 14 und 23 Jahren regelmäßig zusammen, um in sicheren Räumen ihre Identitäten, Männlichkeitsbilder und Rassismuserfahrungen zu reflektieren.

Das Projekt verfolgte einen konsequent rassismuskritischen Ansatz und erkannte die besonderen Herausforderungen an, denen junge Männer of Color in einer weiß-dominierten Gesellschaft begegnen. Statt theoretische Diskussionen in den Vordergrund zu stellen, setzte das Team auf Vertrauensbildung und Gemeinschaftsgefühl als Grundlage für tiefergehende Reflexionen.

Projektstruktur und Methoden

Freizeit in Groß-Koeris: ein großer Stuhlkreis mitten im Wald, Jugendliche im Gespräch

Freizeit Groß Köris

Das Angebot bestand aus zwei zentralen Elementen: regelmäßige Treffen an den vier Standorten sowie mehrtägige Freizeiten im ländlichen Raum. Beide Formate kombinierten informelle Begegnungsräume mit strukturierten Workshop-Einheiten zu verschiedenen Themenbereichen.

Ein besonderes Merkmal war die praktizierte Kreiskultur – sowohl in Gruppenräumen als auch am Lagerfeuer entstanden gleichberechtigte Gesprächsrunden, in denen jede Stimme gehört wurde. Gerade die abendlichen Gespräche am Feuer erwiesen sich als besonders wertvoll für authentische Reflexionen und den Aufbau von Vertrauen.

Die erlebnispädagogischen Freizeiten umfassten neben Aktivitäten wie Klettern, Nachtwanderungen und Vertrauensübungen auch klassische Workshop-Formate. Dabei entstanden oft die intensivsten und nachhaltigsten Lernmomente – beispielsweise wenn ein dominanter Jugendlicher seine Ängste beim Abseilen eingestand, oder wenn stereotype Geschlechterbilder spielerisch beim gemeinsamen Blumenpflücken hinterfragt wurden.

Workshop-Themen und Inhalte

Das Projektteam entwickelte verschiedene Workshop-Formate, die an den verschiedenen Standorten durchgeführt wurden. Im Folgenden ist eine Auswahl unserer Formate abgebildet:

Klettern in der Sächsischen-Schweiz. Mehrere Jungen sitzen und stehen vor einer hohen Felswand und werden für das Klettern vorbereitet, mit Gurten und Seilen. Zufriedene Sieger-Posen und Lächeln.

Klettern in der Sächsischen Schweiz

  • „Männlichkeiten: Was ist männlich?“ – Kritische Reflexion traditioneller Geschlechterbilder
  • „Angenehmes Flirten“ – Respektvolle Kontaktaufnahme und Grenzen erkennen
  • „Let’s talk about sex, habibis“ – Sexualpädagogik mit kultursensibler Herangehensweise
  • „Empowerment, aber wie?“ – Strategien im Umgang mit Diskriminierung und Rassismus
  • „Kampfsport und Männlichkeiten“ – Vierteilige Reihe zu Gewaltprävention und Emotionsregulation
  • „Respektvoller Umgang und Väter als Vorbilder“ – Reflexion von Rollenbildern und Beziehungsgestaltung
  • „Rap und Männlichkeit“ – Reflexion von Männlichkeiten im Kontext der Musikszene
  • Jungen-Freizeiten
  • Weitere Aktivitäten: Kinoabend mit dem Film „Barbie“, Kletterhalle, DJ-Workshop, Bowling, Ausflug ins Schwimmbad, Filmabend, Lasertag, Ausflug zu einem Heimspiel des RB Leipzig, Städtereise nach Hamburg

Ergänzend fanden kulturelle und religiöse Veranstaltungen statt: Ein Moscheebesuch ermöglichte tiefere Diskussionen über religiöse Identität und Diskriminierungserfahrungen. Das kurdische Neujahrsfest Newroz wurde gefeiert und viele Jugendliche kamen zum gemeinsamen Fastenbrechen zusammen.

Podiumsdiskussion auf dem Fachtag. Sieben Personen sitzen zufrieden an und auf einer Bühne und blicken gemeinsam zu einem Punkt im Raum.

Podiumsdiskussion Fachtag

Herausforderungen und Erfolge

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Die Projektarbeit...

...war geprägt von verschiedenen Standortdynamiken. Besonders erfolgreich war die Kooperation in Borna, wo mehr als 40 Jugendliche erreicht wurden, darunter viele unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Das wöchentliche Fußballangebot erwies sich hier als wichtiger Baustein für die Gruppenbindung.

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Herausforderungen...

...entstanden durch die zeitliche Belastung der Teilnehmer aufgrund von Nebenjobs, Ausbildung und Schule sowie durch gelegentliche Konflikte innerhalb der Gruppen. Das Team nutzte solche Situationen jedoch konstruktiv für Reflexionen über Gewaltursachen und respektvollen Umgang miteinander.

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Auch kontroverse Momente,

wie die hitzige Diskussion nach der Filmvorführung „Nur eine Frau" über Hatun Aynur Sürücü, wurden durch die aufgebaute Vertrauensbasis gemeistert und als Lernchancen genutzt.

Wissenstransfer und strukturelle Wirkung

Neben der direkten Arbeit mit Jugendlichen investierte das Projekt in Fachkräftequalifizierung und Wissenstransfer. In Kooperation mit HEROES Leipzig fand eine rassismuskritische Fortbildung statt. Den Abschluss des Projektes bildete eine Fachtagung in Leipzig zum Thema „Rassismuskritische Soziale Arbeit mit Jungs und jungen Männern mit Migrations- und Fluchtgeschichte“.

Besonders beeindruckend war ein Gesprächsformat mit Projektteilnehmern, die ihre persönlichen Veränderungen schilderten und konkrete Wünsche an Pädagog*innen und Lehrkräfte formulierten. Ihre Stimmen machten deutlich, wie wichtig Respekt, Verständnis und authentische Begegnungen für ihre Entwicklung sind.

Eine Turnhalle. Im Vordergrund mehrere blaue Matten, darum sitzend ein paar Zuschauende, auf der Matte zwei Jungen, die sich gegenüber stehen vor einem Kampf

Workshop: Kampfsport und Männlichkeiten

Workshop-Methode: Warmer Rücken. Jungen stehen in zwei Reihen und notieren etwas auf einem Blatt Papier, jeweils auf dem Rücken des Vorausstehenden

↑ Workshop: Methode Warmer Rücken

Fortführung und Nachhaltigkeit

Die gesammelten Erfahrungen und aufgebauten Strukturen fließen in das Nachfolgeprojekt „Brücken, die uns näher rücken – Begegnung von Jungen und jungen Männern mit und ohne Rassismuserfahrungen in Sachsen“ ein. So wird die wichtige Arbeit fortgesetzt und gleichzeitig um neue Perspektiven bereichert.

Das Projekt „Bruder, was geht?“ hat gezeigt, dass geschlechterreflektierende und rassismuskritische Jugendarbeit nachhaltige Wirkung entfalten kann, wenn sie die Lebenswirklichkeiten der Teilnehmer ernst nimmt und ihnen Räume für authentische Begegnungen und Reflexionen bietet. Wir danken der Sächsischen Aufbaubank (SAB) und der Heidehof Stiftung für die langjährige Förderung des Projektes.

↓ Fachtag

Wir danken der Sächsischen Aufbaubank (SAB) und der Heidehof Stiftung für die langjährige Förderung des Projektes.

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